Wie schon viele Aufbau/Blumenbar-Bücher zuvor wurde auch "Ministerium der Träume" von Hengameh Yaghoobifarah bereits vor der Veröffentlichung ohne Ende gehyped. Zurecht? Das Buch im Schnellcheck.
In diesem Satz von Nushin kulminiert, was Menschen anderer Herkunft, aber auch mit anderem sozialen Status, immer wieder in Deutschland und anderen Ländern erleben müssen: Egal, was sie machen oder erreichen, am Ende werden sie immer auf ihre Herkunft reduziert.
„Ministerium der Träume“ von Hengameh Yaghoobifarah ist am 30. Januar 2021 im Berliner Blumenbar Verlag erschienen und kostet 22 Euro bei 381 Seiten.
1. Die Handlung
„Ministerium der Träume“ beginnt mit einem doppelten Albtraum: Im Prolog befindet sich die Ich-Erzählerin Nasrin in einer Telefonzelle, während um sie herum ein Feuer lodert. Die Telefonzelle wird als Trauma-Container noch öfter im Roman wiederkehren. Im ersten Kapitel wird Nasrin die Botschaft überbracht, dass ihre Schwester Nushin bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Aber war es wirklich ein Unfall? Oder Selbstmord? Oder Mord? Oder ein Verschwinden? In der Klärung dieser Frage mutet „Ministerium der Träume“ in weiten Teilen wie ein Krimi an. Während Nasrin nach der wahren Ursache des Todes ihrer Mutter forscht, dringt der Roman auch „in die dunklen Ecken deutscher Gegenwart“ (Klappentext) vor. Die NSU-Morde spielen immer wieder mit in die Erzählung hinein. Als geflüchtete Familie in Lübeck hatten Nasrin und Nushin selbst immer wieder Stress mit Nazis. Aber Yaghoobifarah erzählt auch von Missbrauch und Konflikten zwischen Müttern und Töchtern, sodass ihr Roman am Ende durch einen großen Themenreichtum überzeugt.2. Der Stil
Neben der Handlung überzeugt auch der Stil von „Ministerium der Träume“. Vom ersten Satz an werden die Lesenden in die Erzählung hineingesogen, die besonders auf den ersten Seiten unheimlich dicht ist und einen das Buch kaum weglegen lässt. Jeder Satz sitzt. Ausdrücke, die längst in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen sind, wenn etwa der Hund und die Mutter „viben“ oder etwas nicht „bockt“, frischen die Sprache auf. Fraglich ist nur, ob solche Ausdrücke ebenso authentisch von der Ich-Erzählerin Nasrin, die bereits über 40 ist, wie von der fast 30-jährigen Roman-Autor:in Hengameh Yaghoobifarah verwendet werden können, oder ob sie aus ihrem Mund nicht doch albern klingen.3. Die Stelle
„Egal, wie viel Mühe man sich gibt, anders auszusehen, die schäbige Herkunft holt einen am Ende doch ein“ S. 238In diesem Satz von Nushin kulminiert, was Menschen anderer Herkunft, aber auch mit anderem sozialen Status, immer wieder in Deutschland und anderen Ländern erleben müssen: Egal, was sie machen oder erreichen, am Ende werden sie immer auf ihre Herkunft reduziert.
4. Die Autor:in
Hengameh Yaghoobifarah wurde 1991 in Kiel geboren und studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik in Freiburg und Linköping. Seit dem Umzug 2014 nach Berlin arbeitet Yaghoobifarah in der Redaktion des Missy Magazine sowie für weitere Medien wie die taz, wo seit 2016 die Kolumne Habibitus erscheint. Zu den Veröffentlichungen von Hengameh Yaghoobifarah zählen unter anderem die gemeinsam mit Fatma Aydemir herausgegebene Anthologie „Eure Heimat ist unser Albtraum“ sowie der Essay „Ich war auf der Fusion und alles, was ich bekam, war ein blutiges Herz“. Außerdem ist sie sehr aktiv auf Twitter und veröffentlicht regelmäßig den Podcast „Auf eine Tüte“.5. Die Bewertung
9 von 10 Punkten - „Ministerium der Träume“ von Hengameh Yaghoobifarah ist für mich der erste Roman seit langem aus dem Hause Aufbau/Blumenbar, der seinem Hype auch gerecht wird. Die große Stärke des Romans ist, dass tatsächlich eine Geschichte erzählt, eine Handlung geschildert werden soll. Durch den Schreibstil Yaghoobifarahs werden die 381 Seiten nur dann etwas zu lang, wenn es am Ende unnötige Wendungen, besonders ein überflüssiges Verhör der Nichte Parvin, gibt.„Ministerium der Träume“ von Hengameh Yaghoobifarah ist am 30. Januar 2021 im Berliner Blumenbar Verlag erschienen und kostet 22 Euro bei 381 Seiten.
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